„Für seine Bürgers Waisen arm“
„1784 mussten die Kinder im Waisenhaus noch früh um fünf Uhr aufstehen, etliche Male am Tag beten, viele Stunden am Tag arbeiten – die Mädchen noch eine Stunde mehr als die Buben – und durften glücklich sein, dass sie auch schon ein paar Stunden Schulunterricht am Tag hatten. Aber sonntags gab es nach der Messe für jeden eine Maß Bier“. Plastisch und unter großem Interesse der Zuhörerinnen und Zuhörer seiner ausgebuchten Führung im Rahmen der Augsburg Tage erzählt Jürgen Reichert, Direktor der St. Gregor Jugendhilfe vom Alltag der Waisenkinder. Auf über 400 Jahren Geschichte kann die Katholische Waisenhausstiftung zurückblicken, sie ist eine der ältesten Einrichtungen ihrer Art in Europa ist. Heute betreibt sie allerdings kein klassisches Waisenhaus mehr, sondern eine moderne Jugendhilfeeinrichtung.
Vieles hat sich seither geändert, nicht nur, dass es in der St. Gregor-Jugendhilfe heute keinen Alkohol mehr gibt. So sind jetzt die meisten Kinder in der Einrichtung keine Vollwaisen, sondern ihre Eltern bewältigen aus dem einen oder anderen Grund ihren Erziehungsauftrag nicht allein und benötigen deshalb Unterstützung – die einen mehr, die anderen weniger. Aus diesem Grund bietet die Jugendhilfeeinrichtung auch von Jugendsozialarbeit an Schulen, über Familienbüros, aufsuchende Erziehungshilfen und heilpädagogische Tagesstätten bis hin zu Wohngruppen für Kinder, die tatsächlich gar nicht mehr in ihren Familien leben können, eine breite Palette an Hilfsangeboten.
Wie differenziert das Angebot heute ist, nehmen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Erstaunen zur Kenntnis. Und erfahren gleichzeitig, wie auf vielen Führungen im Rahmen der Augsburg Tage, an den jeweiligen Schauplätzen interessante Details aus der Geschichte ihrer Heimatstadt: Dass es beispielsweise außer dem Waisenhaus noch ein Findelkinderhaus und ein Armenkinderhaus gab. Und auch, dass soziale Hilfen schon immer auf die Unterstützung der Bürger angewiesen waren. So stehen die ältesten Opferstöcke der Katholischen Waisenhausstiftung schon seit Ende des achzehnten, Anfang des neunzehnten Jahrhunderts in St. Ulrich und im Dom – und helfen noch heute Kindern in Not.